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Pavillon - Archiv

Damals in der Batschka…

Das Schicksal einer Familie im Spiegel der Briefe
 
Parabutsch: ein Dorf in der Batschka, in dem ehemals eine blühende donauschwäbische Gemeinschaft lebte. Die ersten deutschen Kolonisten – Bauern und Handwerker – siedelten sich 1786 dort an und bauten im Laufe der Jahrhunderte mit deutscher Gründlichkeit ihre Gemeinde auf. Im Dorf lebten bis 1944 neben den Deutschen auch Serben und Ungarn friedlich miteinander.
 
Der Zweite Weltkrieg brachte aber Änderungen in dieses – mit heutigen Augen betrachtet – idyllische Leben. Der Landesteil Batschka, der bis 1918 zu Ungarn, dann zu Jugoslawien, dann ab 1940 wieder zu Ungarn gehörte, war der politischen Willkür ausgeliefert. Die ungarischen Beamten und das ungarische Militär übten vielerorts Attacken gegen Serben und Juden aus. Die donauschwäbischen Männer mussten jedoch auf Druck des Dritten Reiches nicht in die ungarische Armee – wohin sie territorial gehörten – sondern in die Wehrmacht, sogar in die Waffen SS einziehen. Diese Ereignisse hatten später ihre Folgen.
 
Im Winter 1944 rückten die jugoslawischen Partisanen Parabutsch immer näher. Ein Teil der deutschen Bevölkerung packte ihr Hab und Gut auf Pferdewagen und flüchtete nach Nordwesten. Diese Leute fanden dann ihre neue Heimat in Deutschland. Der andere Teil blieb zu Hause und hoffte auf friedlichere Tage. Diese Hoffnung erfüllte sich jedoch nicht. Die deutschen Familien wurden nach Weihnachten 1944 in verschiedene Vernichtungslager verschleppt, vornehmlich in das Lager im Dorf Gakowo an der ungarischen Grenze.
Dort musste auch die Familie Garatwa mehr als 3 Jahre unter miserablen Umständen verbringen. Dann durften sie heimkehren, aber nicht in das eigene Haus. Dort lebte seit langem schon eine serbische Partisanenfamilie. Sie haben zuerst irgendwo ein leeres Zimmer bekommen. Später durften sie in ein Häuschen umziehen, das aber nicht ihnen gehörte. Barmherzige Freunde und Kollegen spendeten die Einrichtung sowie Kleider und Gegenstände, die noch nötig waren. Für das tägliche Brot haben sie in den nahe liegenden Fabriken gearbeitet und Ackerland gepachtet. Die wirtschaftliche Situation war kläglich, die Parabutscher Familien lebten im Elend.
 
Die folgenden Zitate stammen aus Briefen von Anna Peter-Garatwa, die diese an ihre in Soltvadkert (Ungarn, Komitat Bács-Kiskun) lebende Tochter, Magdolna Garatwa, schrieb. Sie spiegeln dem heutigen Leser die damalige Armut, jedoch auch die Tatkraft und die winzigen Freuden der Menschen wider. Die Zitate hat uns Magdolna Garatwa selbst freundlicherweise zur Verfügung gestellt, die sich auch heute mit über achtzig einer guten Gesundheit erfreut und der wir hiermit einen großen Dank aussprechen.
Hier einige Auszüge aus den Briefen ihrer Mutter, Anna Peter Garatwa, mit originaler Rechtschreibung:
 
18. August 1950
 
Wir haben es jetzt frei und gehen Kukuruz brechen. Vater hat zwei Joch Feld in Pacht gekauft und das lassen wir um die Hälfte bauen. Jetzt haben wir ein Joch Kukuruz. Es ist nicht so schön, doch man kann zufrieden sein. Es ist noch ein Wunder, dass es Kukuruz gegeben hat, weil doch kein Regen war.
 
 
3. Oktober 1950
 
Wir gehn noch täglich in unsere Arbeit, solange es uns noch gefällt. Katibesl ist auch jetzt in der Hanffabrick. Es werden jetzt viele Arbeiter entlassen, damit man weiniger Brotkarten braucht. Wir haben uns vorgesorgt an Lebensmittel. Es betet für dich deine Mutter.
 
13. April 1951
 
Das ist eine Winteraufnahme. Das Kreutz zwischen dem Zaun steht nicht mehr, es wurde durch frevlerische Hände in der Nacht umgeworfen. Auch das Monument ist beschädigt, jetzt vorläufig wäre Ordnung, es hat alles wieder seine Ruh.
 
3. Mai 1951
 
Es ist heute Christi Himmelfahrt! (…) Der erste Mai ist ganz still vorübergegangen. Niemand hat geschrieen, als wie in den vergangenen Jahren. Höchstens wenn einer vor Hunger geschrieen hat. Soweit ist es bei uns gekommen. Wir fühlen noch keinen Hunger, haben auch noch keine Not.
 
13. Mai 1951
 
Bei uns ist jetzt an Sonn- und Feiertagen feierliche Mariaandacht. Nani (die in Parabutsch gebliebene Schwester von Magdolna Garatwa – K. L.) und ihre Kameradin aus Apatin singen die Litanei mit Solo. Der Lourdesalter ist weissen Blumen geziert, es ist wirklich schön. Es geht halt alles ohne Orgel. Nani schreibt sich jetzt Noten, sie geht zum Herrn Pfarrer Klavier spielen lernen, dann bis in einem Jahr oder noch später will sie die Orgel führen.
Großvater war in Gakovo Gräber putzen, er ging von Zombor zu Fuß hinein, weil mit der Bahn ist es verboten, weil es Grenzgebiet ist.
 
9. September 1951
 
Nani ist ins Kino und Vater ist auf Paracka. Er hat von dort heute ein etwas gebrauchtes Fahrrad gekauft. Das kostet vierzehntausend Dinar. Jetzt kaufen wir noch zwei Meter (200 kg – K. L.) Frucht (Weizen – K. L.) um sieben oder achttausend Dinar. Jetzt noch Kukuruz, dann wird der Monatslohn schon etwas weniger. Diesen Monat haben wir fünfhundertdreißigtausend Dinar verdient. Es wäre ein schönes Geld, aber sparen ist nicht viel wert und so kann man nicht viele anfangen.
Wir arbeiten jetzt nicht viel, der alte Hanf war alle, so haben wir schon neuen eingelegt, und den ist bis Ende Woche geröstet. (…)
Es wäre mein einziger und grösster Wunsch, dass wir uns recht bald wiedersehen könnten. Bei uns beginnt wieder schon die Weinlese, so denken wir viel an Euch, liebe Kinder. (…) Nani hat oft auf Klavierprobe, und Übung, auch Gesangprobe hat sie zu gehen, so dass ihr keine Minute frei bleibt. 
 
11. September 1951
 
Bei uns ist eine kleine Änderung eingetreten, wir haben jetzt keine Lebensmittelkarten mehr, nur noch Punkte. Das sind bei uns Banove, da kann man sich Lebensmittel kaufen, was man will. Auch diese sollen später verschwinden, nachher soll alles frei werden.
 
14. November 1951
 
Nani verdient im November das höchste in der Fabrik. Die Lebensmittel sind nicht mehr so teuer, nur die Kleidung ist bald nicht zu kaufen. Die Nani hat zwei Stoffkleider und ein Sommerkleid liegen, für noch zum Nähen. (…) Am Sonntag waren wir in Gakovo und Krusevlje Gräber putzen. Dort ist eine grosse Wildnis und Verlassenschaft. Der Großmutter ihr Grab kann man noch leicht finden. Die Kreutze blieben unberührt.
 
10. Dezember 1951
 
Vieles bekommt man zu kaufen, was man schon einige Jahre gar nicht gesehen hat. Auch die Geschäftsläden sind schon voll, nur noch sehr teuer. Die Landwirtschaftsprodukte, sowie fette Schweine, (oder: Schweinefett? – K. L.), Kukuruz und Frucht sind viel billiger. (…) Wir hoffen, dass es uns besser wird. Es ist möglich, wenn nichts dazwischenkommt, unser Haus fertig wird und wir einziehen können.
 
 
Die Familie Garatwa verließ 1958 mit den letzten Deutschen das Dorf. Sie durften das offiziell tun, der Abschied von der alten Heimat fiel ihnen aber schwer. Sie fuhren nach Deutschland, wo sie ein neues leben beginnen konnten. Dieses Mal ohne Verfolgung, ohne Armut und ohne Kommunismus.
 
Aufgezeichnet von Lajos Káposzta
 
 

Die heute in Soltvadkert lebende Tochter, die 86-jährige Magdolna Garatwa, mit den Briefen ihrer Mutter

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